Frau Scheub, welche kollektiven Traumata haben Deutschland und Europa geprägt?
Jede Gesellschaft und jede Nation hat Gewalt, Kriege und kollektive Traumata erlebt. In jedem europäischen Land waren das andere, spezifische. Gemeinsam ist, dass sich die Traumata historisch überlagern. Nehmen wir Deutschland: Hier fanden zwei Weltkriege und der Naziterror statt. Danach Flucht und Vertreibung von 14 Millionen Menschen. Die DDR-Diktatur. Von 1950 bis 1990 Misshandlungen und „schwarze Pädagogik“ gegen rund 15 Millionen „Verschickungskinder“, die in „Kur“-Heime gebracht wurden. In der Wendezeit Erwerbslosigkeit und Entwürdigung für viele im Osten. Corona-Pandemie. Die schleichende Klimakrise. Angriffe gegen Geflüchtete und Andersdenkende. Das wirkt sich auf jede Person verschieden aus, weil sich individuelle und kollektive Traumata überlappen können. Ich würde aber behaupten, dass niemand frei von der kollektiven Traumalast ist – es ist wie das Wasser, in das ein Fisch hineingeboren wird.
Warum war die Bearbeitung dieser Traumata der entscheidende Durchbruch, um unsere Demokratie zu retten?
Individuelle und kollektive Traumata erzeugen bei den Betroffenen ein extremes Sicherheitsbedürfnis, Misstrauen gegenüber anderen und riesige Angst vor Veränderung. Das Nervensystem ist permanent angespannt – was rechtspopulistische Parteien in der EU ausnutzten, um Angst und Hass auf Sündenböcke wie Geflüchtete zu lenken und gegen Klimaschutzmaßnahmen zu hetzen. Hinzu kam, dass traditionelle Parteien wichtige Reformen für Demokratie, Wirtschaft und Umwelt verschleppten und aktiv verwässerten, was die Situation wiederum nur verschlimmerte. Und so geriet die traditionelle parlamentarische Demokratie in extreme Gefahr. Bis sich 2027 strategisch denkende Menschen aus allen demokratischen Parteien und der Zivilgesellschaft trafen, um gemeinsam Reformen nach dem Motto „Zuhören!“ zu verabreden. Die Etablierung von losbasierten Bürgerräten gehörte dazu, direkte Demokratie, die Schaffung kommerzfreier öffentlicher Treffpunkte, die strikte Regulierung von Medien und Social Media, Formate wie „Sprechen und Zuhören“ vom kleinsten Dorf bis in die größten Metropolen.
Wie funktioniert Sprechen und Zuhören?
In verschiedenen Varianten und Gruppenstärken. Die einfachste lautet: Zwei Personen sitzen sich gegenüber, eine redet zehn Minuten, die andere hört ohne Unterbrechung intensiv zu, dann umgekehrt. Danach berichten beide, was das in ihnen ausgelöst hat. Ergebnis: Große Teile der Bevölkerung konnten in sicheren Räumen „live“ über ihre Gefühle und Verletzungen reden und fühlten sich endlich wieder wahrgenommen. So konnte Vertrauen wieder wachsen, die grassierende Gewalt nahm ab. Und das Ganze war auch noch vergleichsweise extrem preiswert!
Zuhören ist ja noch nicht Traumatherapie. Wie werden diese kollektiven Traumata heute bearbeitet und integriert?
Live und online, mit verschiedenen Formaten und Methoden, in großen und kleinen Gruppen. Eine Gruppentherapie hat viel mehr Heil- und Strahlkraft als eine individuelle Therapie. Die dabei freigesetzten Energien wirken viel weitreichender und heilender als beim Individuum. Das wichtigste Heilmittel ist Resonanz, das wichtigste Prinzip reden, zuhören, emotional nachwirken lassen, nochmal reden, zuhören, nachwirken lassen. Ein Trauma ist eingefrorene Todesangst im Emotionszentrum des Gehirns, der Amygdala. Damit es „auftauen“ kann, ohne erneut Todesangst zu erzeugen, also „integriert“ wird, braucht es Resonanz in Form von Zeugenschaft und liebevoller Zuwendung anderer. Wir tragen miteinander des anderen Last. Ganz wichtig ist auch ein sicherer Raum, in dem diese herausfordernden Themen gehalten werden. Wenn jemand zusammenbricht, stehen erfahrene Traumatherapeut:innen für Interventionen bereit. Eine globale Pionierorganisation für Trauma-Aufarbeitung war sogar schon in den 20ern aktiv – das Pocket Project. Parallel verbreiteten sich immer weitere Therapieformen, die Heilung insgesamt zugänglicher machten: körperbasierte Methoden, Atemarbeit, ehrliches Mitteilen, Online-Resonanzräume, Deep Democracy, die auf Zuhören und Perspektivwechsel beruht.
Deutschland wurde ja viel gerühmt für seine Erinnerungskultur an die NS-Zeit. Ist das nicht auch eine Form von Traumabearbeitung?
Nein. Deutsche Institutionen haben sehr viel getan für die Aufarbeitung der Fakten, aber nicht der Gefühle, schon gar nicht da, wo sie entstehen und als Gefühlserbschaften tradiert werden: in den Familien. Indigene aus Kolumbien haben uns gespiegelt, dass unsere KZ-Gedenkstätten Menschen und besonders Traumatisierte mit ihren Erinnerungen und Gefühlen völlig alleine lassen. Es fehlt die Möglichkeit, negative Energie wie Schmerz, Wut, Ohnmacht und Trauer auszudrücken und transformieren zu können. Das geht eben nur mit anderen Menschen zusammen, in den genannten Formaten, in der Begegnung mit Zeitzeug:innen. Oder auch mit Ritualen der Entschuldigung der Tätergeneration. Willy Brandts Kniefall vor dem Denkmal der Opfer des Warschauer Aufstandes war hier ein Vorbild für viele – obwohl oder gerade weil der damalige Bundeskanzler kein Nazi-Täter gewesen war.
Je größer das Trauma, desto mehr Abwehr tritt auf. Was ist wichtig in der öffentlichen Kommunikation darüber?
Kollektive Traumata haben sehr unterschiedliche Verlaufsformen. Nehmen wir als Beispiel die sexualisierte Gewalt gegen Minderjährige durch Priester und Pfarrer. Es hat Jahrzehnte gedauert, bis die in Deutschland überhaupt thematisiert wurde, vor allem durch mutige Aussagen früherer Missbrauchs-Opfer. Und natürlich haben Kirchenoberhäupter Aufklärung massiv abgewehrt und blockiert. Aber irgendwann lagen so viele Beweise dafür auf dem Tisch, dass sie die Fakten nicht mehr leugnen konnten. Und dann gehörte die Sympathie der Öffentlichkeit eindeutig den Überlebenden. So ist es oft, aber nicht immer. Es braucht eine klare Struktur: die Benennung von Fakten, Opfern und Tätern sowie sichere Räume für Zeugenschaft. Das ist aber oft gar nicht möglich, weil Beweise vernichtet wurden. Hinzu kommt: Opfer reagieren sehr unterschiedlich, je nach Geschlecht, Ethnie und Kultur. Traumatisierte Jungen neigen dazu, als Erwachsene selbst Täter zu werden; traumatisierte Mädchen dazu, in der Opferrolle steckenzubleiben. Das alles muss man bei der öffentlichen Kommunikation berücksichtigen.
Welcher Umstand hat dazu geführt, dass wir heute als Gesellschaft traumasensibler und resilienter sind?
Die Erkenntnis, dass wir als Menschheit einen kollektiven Menschheitskörper mit einem gemeinsamen Nervensystem haben. Aufgrund der Überbetonung des Individualismus in der westlichen Welt sahen wir lange nicht mehr, dass wir jenseits kleiner genetischer Varianten wie Geschlecht oder Hautfarbe den gleichen Körper und Geist teilen, der auf den gleichen biologischen und energetischen Prozessen beruht. Wir alle lassen uns von Grundgefühlen wie Angst, Trauer, Wut, Scham und Freude leiten. Wir gehen in Resonanz zueinander und sind von lokal bis global verbunden durch neurobiologische Schwingungen. Negative Gefühle können wie gefährliche Pandemien wirken – das wurde in der NS-Zeit und im Trumpismus und Putinismus sichtbar. Positive Gefühle können ebenfalls anstecken. Wir können diesen gemeinsamen Menschheitskörper mit Verbindungen, Liebe und Freundschaft pflegen und uns gegenseitig glücklich machen – als Familien, Nachbarschaften, ganze Nationen oder lokal-globale Gruppen. Es wurde zu einem regelrechten Volkssport, dass immer mehr Menschen mit positiven Schwingungen zum kollektiven Wohlergehen beitragen und ihr Trauma bearbeiten und integrieren wollten.
Und das übertrug sich auch auf die Medien?
Nein, nicht direkt. Aber die Erkenntnis machte sich breit: Die öffentliche Kommunikation und das Internet sollten so reguliert werden, dass Verbindung, Freude und Gemeinwohl gefördert werden und nicht länger Angst und Hass. Spanien, Australien und Frankreich machten 2026 den Anfang: Altersgrenzen für asoziale Medien, Kriminalisierung algorithmischer Manipulation. Eltern-, Lehrer- und Bildungsvereinigungen hatten sich extrem besorgt gezeigt angesichts der horriblen Traumata und Schäden, die US-Chatbots und Social Media bei Kindern und Jugendlichen erzeugten: Süchte, Depressionen, Selbstverletzungen, verminderte Lern- und Denkfähigkeiten, sogar Suizide. 2030 hatte die EU endlich ihre digitale Unabhängigkeit von diesen schädlichen IT-Diensten erreicht und eigene Plattformen aufgebaut, die Hass, Hetze und Fake News aussortierten. Das war der Durchbruch.
Es gibt mittlerweile in vielen Medienhäusern Redaktionsstandards, um Angst und Stress im Kollektiv zu mildern. Welche Regeln sind hier besonders nennenswert?
Am allerwichtigsten war die Regulierung von Social Media und KI, denn diese hatten inzwischen eine weit größere Reichweite als traditionelle Medien. Auf Basis des 2024 verabschiedeten Digital Service Act der EU wurden IT-Konzernen der Milliardäre aus dem Silicon Valley der Zugang zur EU verwehrt – wegen Monopolbildung, Volksverhetzung, Gefährdung der Meinungsfreiheit und des Jugendschutzes. Rassistische und sexistische Parolen wurden konsequent strafrechtlich verfolgt, ebenso die Verbreitung von Fake News und die algorithmische Bevorzugung von empörten und hasserfüllten Kommentaren, die Facebook aus Profitgründen bereits 2017 eingeführt hatte. So konnten sich neue Netzwerke wie das 2026 in Berlin gegründete „Wedium“ ausbreiten, die Gemeinschaft förderten und Verbindung belohnten.
Wie berichten traditionelle Medien heute über Kriege und Katastrophen?
Mitte der 2020er Jahre liefen den traditionellen Medien die Menschen weg: Etwa die Hälfte der EU-Bevölkerung vermied gelegentlich oder sogar täglich den Konsum von Nachrichten, weil sie diese nicht mehr ertrugen. Der Trend hielt so lange an, bis Redaktionen aufhörten, Schlagzeilen und Bilder zu verbreiten, die mit Angst und Horror arbeiteten. Berichte über Katastrophen, Krisen und Kriege wurden keineswegs unterdrückt, aber anders präsentiert, weniger reißerisch, mehr mitfühlend und einordnend. Medienschaffende wurden in konstruktivem Journalismus geschult: Sie sollten Probleme möglichst nur so schildern, dass auch Lösungen sichtbar wurden. So gab es viel mehr Reportagen über Menschen, die in Krisen Großartiges leisteten und als Vorbild für andere dienten. Schulungen gab es auch für Interviews, Dialoge und Talkshows: Sie sollten ohne Polarisierung auskommen und stattdessen den Common Ground ausloten, die gemeinsamen Überzeugungen. Das haben die ZEIT mit „Deutschland spricht“ oder das Bonn Institute schon in den 2020ern vorgemacht. Zudem gab es psychologische Hilfsangebote für Reporter:innen in Kriegsgebieten.
Wie hat man Journalist:innen auf ihre neue Rolle vorbereitet?
Viele ließen sich weiterbilden in Moderation, Mediation und aktivem, empathischen Zuhören. Man sollte meinen, Letzteres sei banal. Mitnichten. Medienleute sind manchmal unbewusst von eigenen Triggern angetrieben, die die Wahrnehmung verzerren. Sie haben durch die Schulungen gelernt, das bewusst wahrzunehmen. Und zu reflektieren: Was bewirkt meine Art der Berichterstattung? Macht sie uns kollektiv handlungsfähig oder depressiv? Zerstört oder fördert sie die Menschenwürde derjenigen, über die ich berichte und für die ich berichte? Bewirke ich damit Schlechtes oder Gutes?
Wie wird die Perspektive von Traumatisierten eingebunden?
Da braucht man viel Fingerspitzengefühl. Traumatisierte sollten nie auf die Opferrolle reduziert werden. Man muss ihnen empathisch zuhören, sie ihre Aussagen autorisieren lassen, ihre Würde bewahren. Oft können Traumatisierte nicht über das Erlebte sprechen, das Trauma ist wie ein schwarzes Loch in der Erinnerung. Daher brauchen wir auch Kunst, Performance und Erzählformen, die ohne Worte auskommen.
Wie kann das Publikum heute echte Fotos und Berichte von Fake News und KI-generiertem Inhalt unterscheiden?
Einerseits durch Zertifikate, die ähnlich funktionieren wie früher Biosiegel. Sie besagen: Der Inhalt dieser Nachricht ist echt. Zertifikate werden durch unabhängige Institutionen vergeben, die die Metadaten von Inhalten prüfen. Die Nachfrage danach stieg schon in den 2020ern in der damaligen Flut von Fake News und KI-Bildern enorm an. Die Menschen gierten immer mehr nach Fakten und Wahrheit. Aber KIs können inzwischen treffsicher erkennen, ob Inhalte generiert oder manipuliert wurden.
Die Mitte 2025 gegründete Stiftung beyond new – The Human Future Foundation hat maßgeblich zur gesellschaftlichen Bewusstwerdung beigetragen. Wie gelang dies?
Zunächst regten wir einen gesellschaftlichen Diskurs zum Thema an über Artikel, Podcasts, Bücher und Veranstaltungen. Es ging uns darum, positive Narrative zu verbreiten, statt in Dystopien zu verharren. Und Zukunftsbilder, die Sehnsucht weckten nach Heilung. Wir entwickelten auch neue Formate der Begegnung und Verarbeitung, unter anderem die Resonanzräume. Menschen verschiedener Herkunft und Alter treffen sich und reflektieren gemeinsam Medienberichte. Man redet nicht nur über Fakten, sondern das Erleben, bis es integriert ist. Das dortige Reflexionsniveau hat Journalist:innen stark beeindruckt und deren Gespür für die Wirkung ihrer Arbeit weiterentwickelt.
Heute wächst die erste Generation auf, deren Eltern bewusst an ihren unsichtbaren Wunden und Schattenanteilen gearbeitet haben. Wie macht sich das bemerkbar?
Diese junge Generation zeichnet sich laut Umfragen durch mehr Gelassenheit, Resilienz und Lebensfreude aus. Junge Menschen sind beziehungsfähig und wissen, wie sie sich gegenseitig regulieren können, wenn Stress aufkommt. Das ist ein Riesenfortschritt. Und was mich besonders freut: Ihre Beziehung zur Natur ist eine andere, sie ist tiefer. Die Kids sehen sich mehr als Teil der wunderbaren Erde. Es scheint, dass auch hier Trauma-Heilung stattgefunden hat.
Drei Schlagzeilen aus der letzten Woche, die Sie besonders gefreut haben?
Depressionen unter Jugendlichen gesunken, Engagement gestiegen
Umfrage: Mutmachende Medien werden am meisten geschätzt
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