Andreas, du warst über Jahrzehnte in der Tourismusentwicklung tätig und hast miterlebt, wie sich die Branche neu erfunden hat. Was hat sich verändert?
Sehr viel. Früher ging es um Komfort, Effizienz, Umsatz. Heute geht es um Beziehung.
Tourismus war lange eine Fluchtbewegung – raus aus dem Alltag, rein in Erholung auf Bestellung.
Jetzt ist er zu einem Feld geworden, in dem Menschen ankommen – bei sich, bei anderen, in einer Landschaft.
Mit der Industrialisierung wurde auch der Tourismus als Branche unpersönlich, einseitig funktional und entfremdet.
Heute ist er an vielen Orten ein Reallabor für Lebendigkeit.
Er bringt Kulturen in echten Austausch.
Nicht über Waren oder Bilder, sondern über gelebte Erfahrung.
Ein Tourist ist kein Konsument mehr, sondern ein Lernender.
Und Gastgeber sind Hüter von Resonanzräumen.
Natürlich gibt es noch viele klassische Betriebe – Reiseanbieter, Business-Hotels und All-Inclusive-Resorts. Aber daneben wuchs die Bewegung einer regenerativen Gastkultur, die in den letzten zwanzig Jahren aus der Krise geboren wurde. Gleichzeitig entwickelte sich ein neues Bewußtsein einer neuen Generation von Hotels.
Wie kam es zu dieser Krise?
Ende der 2020er war die Branche am Limit.
Viele Tourmusbetriebe litten unter Personalmangel, hoher Fluktuation, Überarbeitung, seelischer Erschöpfung.
Die Umweltbelastung durch Billigflüge, Wegwerfbuffets und Betonbauten war enorm.
Viele Gäste wollten eigentlich Sinn und Tiefgang, aber mussten sich oft mit standardisierten, seelenlosen Angeboten begnügen
Einige Betriebe – meist kleine, mutige Häuser – sagten dann:
„Wir können Gäste nur regenerieren, wenn wir selbst regeneriert sind.“
Das war der Wendepunkt.
Wie sah das konkret aus?
Ein Beispiel ist Oberstdorf – ironischerweise einer der ältesten Kurorte Deutschlands.
Vor zwanzig Jahren war er im Niedergang: überalterte Gäste, leere Hotels, kaum junge Menschen.
Das Hotel Kühberg, in dem wir uns heute treffen, war eines der ersten Häuser, die Mitte 2025 wirklich verstanden haben, dass Nachhaltigkeit nicht reicht, und radikal umgedacht haben.
Sie begannen bei sich selbst.
Zwei Jahre lang arbeiteten sie ausschließlich an innerer Regeneration – Teamkultur, Werte, Beziehungen, Selbstführung. Danach wandelten sie die äußeren Strukturen:
Hierarchien wurden ersetzt durch Rollen, Rezeptionen wurden zu Resonanzpunkten.
Die Menschen, die hier arbeiten, verstehen sich nicht mehr als Servicekräfte, sondern als Raumhalter. Sie schaffen den Rahmen, in dem andere sich entfalten, wohlfühlen oder entwickeln können. Sie sind präsent, aufmerksam und unterstützend, ohne zu dominieren. Sie sind selbst in einem Zustand von Präsenz und Entspanntheit. Das ist Voraussetzung für eine Atmosphäre von Entspannung und Wellness.
Software schlägt Hardware, sagen wir heute.
Beim Einchecken fragt heute jemand:
„Was suchst du in diesen Tagen – Ruhe, Orientierung, Mut?“
Und je nachdem, was du antwortest, bekommst du vielleicht nicht ein Zimmer, sondern eine Hängematte, eine Gesprächspartnerin, einen stillen Platz am Bach.
Und: Es entstand ein lokales Netzwerk: Hofläden, Handwerker, Kunst, Naturerlebnisse – nicht nur für Gäste, sondern mit Gästen und Einheimischen gemeinsam.
Das klingt alles fast spirituell. Gab es da auch Widerstände?
Oh ja.
Anfangs hielten viele uns für Träumer.
„Damit verdient ihr nie Geld“, hieß es.
Aber die Wahrheit war:
Viele alte Modelle verdienten ja auch keins mehr.
Und das Erstaunliche: Sobald die Häuser wirklich lebendig wurden, kamen die Gäste von selbst. Gäste spürten, dass dort etwas Echtes geschieht. Sie kamen nicht für den Luxus, sondern für das Gefühl, Teil von etwas Lebendigem zu sein. Und wer will nicht lieber an einem Ort arbeiten, wo Sinn, Beziehung und Lebendigkeit spürbar sind?
Heute haben diese Häuser keinen Personalmangel – im Gegenteil: Sie müssen oft Bewerber*innen vertrösten, weil so viele Menschen Lust haben, an einem lebendigen, sinnstiftenden Ort mitzuwirken.
Wie unterscheidet sich so ein Haus heute von einem klassischen Betrieb?
Früher war Wellness: Fünf Saunen mit Aromadampf, vielseitiges Massageangebot, kurzzeitige Entspannung.
Heute ist Wellness: Vertrauen, Beziehung, Sinn.
Ein Ort kann nur so viel Entspannung bieten, wie seine Mitarbeitenden verkörpern.
Deshalb ist die wichtigste Regel:
Du kannst keine Ruhe anbieten, wenn du selbst gehetzt bist.
Die Architektur ist anders – offen, durchlässig, organisch.
Die Landschaft ist Teil des Hauses: Wiesen fließen in Terrassen über, kleine Wasserläufe werden sichtbar. Es fühlt sich so an als ob innen und außen miteinander verschmelzen.
Und das Entscheidende: Der persönliche Kontakt ist nicht mehr Störung, sondern Ziel.
Mitarbeitende setzen sich zu Gästen an den Tisch. Sie fragen, erzählen, lachen mit.
Service ist nicht unsichtbar, sondern menschlich.
Schloss Blumenthal in Bayern ist auch ein gutes Beispiel.
Ein Ort, der schon in den 2020ern damit begonnen hat, den Tourismus als Gemeinschaftsprojekt zu leben. Jedes Zimmer wurde von anderen Menschen gestaltet – Künstler:innen, Dorfbewohner:innen, Kindern. Es gibt eine eigene Landwirtschaft, einen Dorfladen, ein Seminarzentrum, einen Biergarten.
Alles speist sich gegenseitig.
Wenn du dort am langen Holztisch sitzt, die Kinder laufen rum, jemand spielt Gitarre und die Ziegen werden durch den Hof getrieben, dann merkst du: „Das ist keine Inszenierung. Das ist echt“
Hast du ein weiteres Beispiel, das dich besonders berührt hat?
In Zypern gibt es ein Bergdorf, das vor Jahren nahezu verlassen war – viele zerfallene Häuser, keine Arbeit, keine Jungen mehr.
Ein Visionär, John Papadouris, begann, Häuser zu erwerben und das Dorf wieder aufzubauen.
Kein großes Hotel, sondern ein Netzwerk von Räumen: drei kleine Restaurants mit Weitblick hier, Gästezimmer dort, ein Laden im alten Stall, alles natürlich ins Dorfgefüge integriert.
Man checkt heute in der lichtdurchfluteten Rezeption ein – nicht bei anonymen Menschen, sondern bei einem Kreis von Einheimischen, die den Ort lieben und gemeinsam hüten.
Sie fragen dich: „Was brauchst du und was bringst du?“
Vielleicht triffst du den Gärtner, den Wein- oder lokalen Olivenbauer oder ruhst einfach am Fluß.
So wurde aus Tourismus wieder das, was er einmal war: Gastfreundschaft als Kultur des Austauschs.
Du warst mit einer der Ersten, die das Wort „Regeneration“ in den deutschen Tourismus eingebracht haben. Was ist der Unterschied zur Nachhaltigkeit?
Nachhaltigkeit ist reaktiv: weniger CO₂, weniger Abfall, weniger Schaden.
Regeneration ist proaktiv: mehr Leben, mehr Beziehung, mehr Freude.
Sie fragt: Wie können wir die Welt lebendiger machen?
Ein regenerativer Ort fragt:
Wie steht dieses Haus in Beziehung zur Landschaft?
Wie lebt es mit seinen Lieferanten, mit den Tieren, den Menschen der Region?
Alles ist Teil eines Beziehungsgewebes.
Die regenerative Gastkultur ist noch kein Standard – aber sie ist ein wachsendes Feld und inspiriert viele.
Wie wirkt sich das auf Regionen aus?
In vielen Gegenden sind sogenannte Bioregionen entstanden – Netzwerke, in denen Landwirtschaft, Kultur, Bildung und Gastkultur zusammenarbeiten. Eine Bioregion ist nicht einfach ein geographischer Raum, sondern ein lebendiger Organismus – ein Zusammenspiel aus Landschaft, Klima, Menschen, Geschichte und Geschichten.
Wenn wir als Gäste oder Gastgeber regenerativ handeln wollen, müssen wir wissen, wo wir sind.
Wir müssen die Pflanzen kennen, die Geschichte verstehen, die Mythen spüren, die in der Erde liegen.
Es gilt, die ganz individuelle Besonderheit einer Region herauszuarbeiten, zu hüten und die Menschen damit in Kontakt zu bringen. Jede Landschaft hat ihre besondere Qualität: Es gibt Orte für Weite und Inspiration, andere für Rückzug und Stille. Manche Landschaften laden zur Kreativität ein, andere zum Trauern oder Feiern.
Wie funktioniert so eine Bioregion genau?
In Oberstdorf treffen sich beispielsweise viermal im Jahr Vertreter:innen der Gemeinde, Bauern, Lehrer:innen, Künstler:innen, Hoteliers als Teil dieses lebendigen Ökosystems.
Sie fragen: „Was braucht die Region?“ – nicht als Verwaltung, sondern als Resonanzkreis.
Hier im Hotel Kühberg z. B. wurde der Hotelgarten und das eigene Biotop zur Lernfläche für die Schule.
Kinder sammeln Kräuter mit den Köch:innen, Mitarbeitende erklären die Flora und Fauna des Biotopes.
Das stärkt nicht nur die Region – es heilt Beziehungen zwischen Generationen und mit der Natur.
Wir haben gelernt, in Ökosystemen zu denken, statt in Branchen.
Ein Hotel kann nicht regenerativ sein, wenn nebenan die Landwirtschaft die Böden auslaugt.
Wie hat sich die Beziehung zu den Gästen verändert?
Früher wollte man dem Gast alles so angenehm wie möglich machen – also so, dass er nichts merkt und man ihn möglichst nicht stört.
Heute ist das Gegenteil der Fall: Kontakt ist das Ziel.
Im Hotel Kühberg setzen sich Mitarbeitende zu den Gästen an den Tisch.
Sie erzählen Geschichten vom Ort, hören zu, fragen nach.
Das erzeugt Nähe. Und in dieser Nähe geschieht das, was man früher „Erholung“ nannte – aber auf einer tieferen Ebene.
Viele Gäste bleiben daher länger, manche kommen jedes Jahr wieder. Manche arbeiten temporär mit, manche bringen eigene Kunst, Musik, Ideen mit.
Grundsätzlich dauern Reisen heute oft länger, sind intensiver, tiefer. Nicht mehr eine Woche im All-Inclusive-Resort, sondern drei Wochen im „Slow-Village“, in dem man gemeinsam kocht, erntet, wandert, lauscht. Und hinterher nicht nur glücklich, sondern verändert abreist.
Fernreisen wurden weniger, weil viele nahe Orte spannende neue Reise-Aspekte boten.
Das klingt wie eine 180 Grad Kehrtwende?
Ja, das stimmt.
Beide Seiten – Tourismusanbieter und Gäste – folgten früher der Norm, sich gegenseitig möglichst wenig zu stören. Wenn, dann war der Austausch meist auf transaktionelle Kontakte beschränkt, also reine Kontakte der „Abwicklung“, wie z.B. beim Check-In oder der Zimmerreinigung im Hotel. „Bitte nicht stören“ oder „Bitte Zimmer reinigen“ waren die weit verbreitenden Türhänger im Hotel. In dieser industrialisierten Form des Tourismus waren Gäste primär Konsumenten, Hotels profitorientierte Unternehmen und Reiseorte Erlebnisapparate.
In vielen Hotels sind durch die regenerative Kehrtwende neue Türhänger dazu gekommen wie „Wir sind gerne bei Aktionen – wie gemeinsam Kochen – dabei…sprecht uns bitte an“. Das hat beide Seiten entspannt, denn viele vermissten diese menschliche Seite: Miteinander und Füreinander da sein. Tourismus wurde menschlicher und kam so seinem Ursprung, dem Gastgeben, wieder näher.
Passt für dein Wirken überhaupt noch der Begriff Tourismus?
Eigentlich nicht.
Es trägt die Bilder einer anderen Zeit in sich – Koffer, Flüge, Wellnesspakete.
Heute geht es um Beziehung, Bedeutung und Resonanz.
Ich spreche daher lieber von regenerativer Gastkultur – einer Haltung, die Leben nährt, indem wir Menschen, Pflanzen, Tieren oder Landschaften Raum geben, sich zu entfalten.
Gastgeben ist keine Branche mehr, sondern eine Kulturpraxis.
Es geschieht überall – am Abend, wenn ein Wirt den Gästen zuhört oder wenn jemand Reisenden spontan einen Übernachtungsplatz anbietet.
In gewisser Weise ist jeder Mensch heute Teil dieses Feldes.
So ist aus dem Reisen wieder ein gegenseitiges Geben und Nehmen geworden.
Die regenerative Gastkultur erinnert uns daran:
Wir sind nicht länger nur Gäste auf der Erde – wir sind Gastgeber des Lebens.
Nachklang
Die Sonne neigt sich über den Alpenkamm, im Tal wird es still.
Andreas schließt kurz die Augen und atmet einmal tief durch.
„Tourismus war früher eine Branche, die Erholung versprach.
Heute ist er ein Ort der Erneuerung – für Gäste, Regionen, Mitarbeitende, Natur.“
Ich bin stolz, dass ich meinen Teil dazu beitragen durfte.“
Die junge Tochter der Wirtin kommt auf einem kleinen Stoffeinhorn vorbeigeritten. Sie fragt Andreas, ob er mitreitet. „Exzellent!“, ruft er. „Auf einem Einhorn wollte ich schon immer mal mitreiten!“
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