„Journalismus braucht neue Orte des Vertrauens“ – Alexander von Streit (2040)

Alexander von Streit, 2025
Journalist und Mitgründer des unabhängigen Online-Magazins Krautreporter. Er berät Medienhäuser, leitet das VOCER Institut für Digitale Resilienz und engagiert sich für eine nachhaltige, zukunftsfähige Medienlandschaft.

Ute Scheub: Wie sind Sie auf die Idee für die Groundhäuser gekommen?

Alexander von Streit: Es war nicht allein meine Idee, schließlich gab es schon einige interessante Projekte in dieser Richtung. Doch KI hat den digitalen Raum und unser Leben in den 2020er-Jahren so extrem verändert, dass physische Begegnung in der Gesellschaft eine neue Renaissance erlebte. Denn mit der KI-generierten Content-Flut, die Menschen vollautomatisiert und individuell zusammengestellt bekommen, hatte sich auch ihr Verhältnis zum Wahrheits-Begriff verändert. Es war nicht mehr zuverlässig möglich, zu erkennen, was die Grundlage für ein Foto, Audio, Video oder Text ist. Früher waren journalistische Medien die Garanten dafür, dass Informationen echt sind. Doch in der Überflutung mit den KI-Inhalten haben viele Menschen den Kontakt zum Journalismus und seinen Produkten verloren. Das Groundhaus stellt diese Verbindung wieder her, indem es authentische Begegnungen mit Informationen und Menschen ermöglicht. Es ist ein neuer Kontaktpunkt zu Medienmarken. Das ist wichtig, denn in Zeiten des KI-Contents bieten solche Beziehungen die Grundlage, den journalistischen Inhalten auch im digitalen Raum wieder zu vertrauen. Und das bringt Journalismus in die Gesellschaft zurück. Damit übernehmen Medien eine neue Rolle und werden zu einer Art Beziehungsmakler. Die alten linearen Sender-Empfänger-Modelle sind Vergangenheit. Medien sind zwar immer noch ein Korrektiv, weil sie über Missstände aufklären, aber nicht mehr die Welterklärer.

Mir fällt die angenehme Atmosphäre hier auf. Es geht beschaulich und ruhig zu, die Leute schauen sich in die Augen, statt auf ihre Geräte zu starren.

Das digitale Leben ist für alle permanent gegenwärtig, schließlich läuft der größte Teil unserer gesellschaftlichen Kommunikation über digitale Kanäle, unser Alltag und Arbeitsleben läuft gleichzeitig in Online-Räumen. Das ist ja eine schon lange laufende Entwicklung der letzten Jahrzehnte, die sich heute so normal anfühlt, dass man es sich gar mehr anders vorstellen kann. Aber gerade deshalb erfreuen sich Orte wie dieser so großer Beliebtheit. Digital ist normal, hier live Begegnungen sind das Besondere.

Wie kommt es, dass hier herumliegende Printprodukte wie Zeitungen und Magazine die Digitalisierung überlebt haben?.

Print wird gerade wieder beliebter, auch bei jüngeren Menschen, bleibt aber insgesamt eine Nische mit stark nostalgischem Einschlag. Weil der Medienkonsum praktisch nur noch digital und KI-gesteuert verläuft, sind die Auflagen klein und die Druckkosten entsprechend hoch. Es sind teure Produkte, eine Zeitung, die einmal pro Woche erscheint, kostet 20 Euro. Trotzdem ist wieder ein gewisses Bedürfnis nach Gedrucktem zu spüren, nach Haptischem, nach Produkten, deren Seiten man umblättern kann. Das hatten wir vor 20 Jahren auch schon mal, als plötzlich wieder Schallplatten nachgefragt wurden und junge Leser:innen ihr Geld für aufwändig gedruckte Bücher ausgaben.

Wie hat sich das Fernsehen entwickelt?

Es sendet  nicht mehr linear, sondern nur in Abo-Varianten. Der eigene persönliche KI-Avatar stellt das Programm zusammen. Und man kann auswählen, ob eine traditionelle Tagesschau-Sprecherin die Nachrichten vorträgt oder ein rosa Wildschwein.

Wie finanziert sich solch ein „Groundhaus“?

Über ein Mitglieder-Modell. Ein Verlag oder eine NGO oder Journalistenvereinigung gründet einen Club oder eine Genossenschaft. Und wer Mitglied werden will, zahlt einen Beitrag. Darin eingeschlossen sind die Kosten für Recherche und seriöse Berichterstattung.

Haben Sie ähnliche Modelle nicht auch schon in den 2020er-Jahren propagiert?

Ja, richtig. Das von mir damals mitgegründete Online-Magazin Krautreporter existiert immer noch, weil es eine Genossenschaft ist und somit von Anfang an unabhängig war. Damals habe ich viel über etwas nachgedacht, was ich als „Media Rewilding“ bezeichnete. Es ging dabei um eine Auswilderung des Journalismus in seinen natürlichen Lebensraum, seine bewusst gesteuerte Rückkehr in Resonanzräume, in gesellschaftliche Orte wie Cafés, Bibliotheken oder Innenstädte. Das realisiert sich heute in den „Groundhäusern“.

KI-generierten Müll und Fake News gibt es ja immer noch massenhaft. Zerstört das nicht die Demokratie, weil man keine Agora mehr hat, keinen gemeinsamen Dorfplatz, wo man sich auf Fakten einigen und verschiedene Meinungen dazu diskutieren kann?

Ja, die Demokratie ist weiter unter Druck. Dennoch ist das Bedürfnis nach ihr in den 2030er-Jahren wieder gewachsen. In allen möglichen gesellschaftlichen Bereichen entstehen gerade solche gemeinschaftserzeugenden Orte: nicht nur in den Medien, sondern auch in der Politik, in der Wissenschaft, in Wohnformen oder als Dorfgemeinschaften. Die Idee des Lagerfeuers oder Dorfplatzes ist wieder groß geworden, weil Menschen sich bewusst wurden, dass sie jahrtausendelang ihre Angelegenheiten an diesen Orten diskutiert und friedlich geregelt haben. Und solche Strukturen vernetzen sich seit den 2030er Jahren immer mehr, angefangen vom Lokalen über das Regionale und Nationale bis zum Globalen. In Cafés wie diesem kann man sich digital mit Menschen aus dem ganzen Erdkreis treffen. So entstehen Strukturen, die sich wie ein Pilzgeflecht durch alle gesellschaftlichen Bereiche ziehen.

Gibt es die klassischen Volksparteien noch?

Nein, ihre Zeit ist seit knapp zehn Jahren vorbei. Wir haben zwar immer noch ein Parlament mit traditionellen Parteien, aber diese haben massiv an Resonanz verloren. Politik und Gesellschaft haben sich zunehmend voneinander entfremdet. Dafür gibt es Bürgerräte, Stadtteil-Parlamente und andere partizipative Formate, in denen die Bevölkerung mitreden kann. Jedenfalls in Deutschland. In anderen Ländern ging es leider stärker in Richtung Autokratie. Wir haben noch rechtzeitig die Kurve gekriegt.

Das bringt mich zur Frage, was aus den Tech-Milliardären des Silicon Valley geworden ist.

Es gibt sie noch. Aber die Institutionen der EU haben zum Glück irgendwann erkannt, dass neben der politischen, wirtschaftlichen und militärischen Souveränität auch eine digitale Souveränität Europas nötig ist. Das war zwar ein mühsamer Prozess, der einige Jahre dauerte, aber letztlich war er erfolgreich. Seit ungefähr 2035 ist Europa unabhängig von US- und chinesischer Technologie. Deutschland spielte hier eine wichtige Rolle, es lieferte Ingenieurswissen und eine solide werteorientierte Technik, die an striktem Datenschutz festhielt und damit ein weltweit gefragtes neues Qualitätsmerkmal lieferte. Früher hat unser Land mal VW als Goldstandard entwickelt, jetzt sind es verlässliche KI-Modelle, die Fake News aussortieren.

Und was ist mit Suchmaschinen und Social Media?

Klassische Suchmaschinen gibt es nicht mehr. Seit 2025 war die Entwicklung Richtung KI-automatisierter Suche im Internet nicht mehr aufzuhalten. Bei Social Media aber hat sich in der EU ein Fediverse entwickelt, ein Zusammenschluss unabhängiger dezentraler Netzwerke und Plattformen, die nicht profitorientiert sind und mit Open Source arbeiten, etwa Mastodon. Die EU hat die klassischen US-Plattformen stark reguliert, nachdem über sie wiederholt Wahlen manipuliert worden sind. Die öffentlich-rechtlichen Sender sind schließlich komplett ins Fediverse gegangen. Das hat viele Menschen dann mitgezogen, es entstand eine immer schnellere Bewegung in unabhängige digitale Strukturen. Es ist schon interessant: Früher galten diese Alternativangebote als langweilig und dröge. Inzwischen halten sich viele Menschen lieber in solchen digitalen Räumen ohne emotionalisierende Algorithmen auf, weil sie hier von der digitalen Überreizung verschont bleiben.

Wir danken der Deutschen Postcode Lotterie für die Förderung dieses Zukunftsinterviews.

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