„Die Kunst des Lassens“ – Thea Sommer (2045)

Thea Sommer (fiktiv)
Thea Sommer ist Künstlerin, Philosophin und Mitbegründerin der Initiative Herbstzeit. Mit ihren Projekten prägte sie die neue Kultur des Innehaltens, der Trauer und des bewussten Loslassens.

Frau Sommer, vielen Dank, dass Sie sich Zeit nehmen. Dieser Ort hier strahlt eine ungewohnte Ruhe aus. Man spürt sofort, dass hier etwas anders ist als in anderen Stadtparks.

Ja, das war unsere Absicht. Die »Stille Mitte« ist kein Ort des Tuns, sondern des Nicht-Tuns. Entstanden ist er 2036, mitten in dem, was viele den »großen gesellschaftlichen Herbst« nennen. Damals wurde uns klar: Wir hatten lange von Transformation gesprochen, aber immer nur vom Tun – nie vom Lassen.

Wie kam es dazu?

Nach der Superdürre und dem Finanzcrash 2029 fiel vieles in sich zusammen. Es war eine Phase der kollektiven Erschöpfung. Politische Strukturen bröckelten, Institutionen verloren ihre Autorität, und viele Menschen fragten sich: Was, wenn wir einfach aufhören? Nicht alles retten? Sondern manches würdig sterben lassen?

Diese Frage war unser Startpunkt. Und dann haben wir gefragt: Wie sieht eine Gesellschaft aus, die Sterben nicht mehr verdrängt, sondern integriert?

Was hieß das konkret – im Stadtleben?

Vieles begann mit temporären Rückzugszonen. Wir richteten sogenannte Inseln der Stille ein: Orte ohne Werbung, ohne digitale Reize, ohne Ziel. Dort standen Bänke, du konntest etwas Heißes trinken und einfach schweigen.

Mit der Zeit entstanden auch öffentliche Wohnzimmer. Konsumfreie Innenräume, die den ganzen Tag geöffnet waren – mit Wasser, Toiletten, bequemen Sitz- und Liegeflächen. Man konnte sich dort unterhalten, schweigen, lesen, dösen oder einfach ausruhen. Es waren Räume ohne Konsumzwang. Hier durfte man einfach Mensch sein.

Wir merkten damals, wie sehr solche Räume gefehlt hatten. Bibliotheken waren früher oft die einzigen öffentlichen Innenräume, aber dort sollte gearbeitet oder geschwiegen werden. Cafés waren an Konsum gebunden. Und draußen funktionierte nur bei gutem Wetter. Als Städte öffentliche Wohnzimmer schufen, in denen Menschen ohne Zweck zusammenkommen oder einfach nur ausruhen konnten, entstand eine neue Qualität des öffentlichen Lebens.

Später kamen Stadtmonate des Ruhens: Im Januar und November wurden städtische Aktivitäten bewusst heruntergefahren. Keine politischen Großdebatten. Keine neuen Initiativen. Stattdessen: Rückblick. Trauerarbeit. Dank.

Es entstanden Zeremonienräume, in denen alte Narrative, Institutionen, ja sogar Technologien symbolisch »zu Grabe getragen« wurden – mit Reden, Blumen, Musik. Das half enorm, alte Bindungen zu lösen.

Das klingt beinahe spirituell. Wie hat die Gesellschaft darauf reagiert?

Am Anfang gab es Widerstand. Unsere Kultur war so sehr auf Wachstum und Aktivität gepolt. Doch je mehr Menschen ihre persönliche Wintermüdigkeit anerkannten, desto mehr wurde diese Praxis zur kollektiven Erlaubnis.

Berliner Schulen führten einen »November des Staunens« ein: Kein Lehrstoff, nur Erkunden, Spüren, Lauschen. Unternehmen boten Herbstsabbaticals an. Die Stadtverwaltung legte politische Ruhephasen fest, in denen keine Entscheidungen gefällt wurden. Und Medien sendeten »Raum-Zeit« – eine wöchentliche Stunde Stille im öffentlichen Rundfunk.

Wie würden Sie die Atmosphäre dieser Jahre beschreiben – im Rückblick?

Wie einen langen goldenen Herbst, unterbrochen von frostigen Momenten. Es war nicht leicht. Aber tief. Es wurde weniger geredet und mehr zugehört. Die Menschen begannen wieder, sich an Jahreszeiten zu orientieren. Am Himmel, an der Erde.

Unsere Kultur wurde gedämpfter und würdevoller. Künstler:innen schufen Kompositionen aus Stille. Es gab Ausstellungen über »das Unvollendete«, über Risse, über Abschiede. Ich erinnere mich an eine Performance im alten Funkhaus. Sie bestand nur aus dem Geräusch fallender Blätter.

Was hat diese Zeit vorbereitet für das, was wir heute – 2045 – erleben?

Ohne diese Phase des »Zurücknehmens«, wäre das neue Erblühen gar nicht möglich gewesen. Viele der heutigen blühenden Projekte haben ihre Wurzeln in dieser Dunkelzeit: in Gesprächen bei Kerzenschein, in den langsamen Winterwanderungen durch stille Straßen, in den Tagebüchern, die in dieser Zeit geschrieben wurden.

Und das Wichtigste: Wir haben gelernt, dass Wandel nicht immer laut und sichtbar sein muss. Manchmal ist er leise, innerlich, kompostierend.

Thea reicht mir einen letzten Schluck Tee. Wir stehen gemeinsam auf und gehen schweigend durch das raschelnde Laub. Die Luft ist klar, die Gedanken sind weit. Über uns gleitet ein Schwarm Wildgänse Richtung Süden.

Ich denke: Vielleicht ist eine Grundlage für eine zukunftsfähige Gesellschaft, das Wissen zu kultivieren, wann es Zeit ist zu ruhen.


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