Cathérine, wie geht es dir gerade?
Ich fühle eine große Ruhe und gleichzeitig eine Vorfreude auf unser Gespräch. Vor allem aber Dankbarkeit. Wenn ich hier sitze und auf den See schaue, wird mir wieder bewusst, wie viele Menschen dazu beigetragen haben, dass dieser Ort entstehen konnte, der nun so nährend ist.
Ich merke gerade selbst, wie schnell ich hier ruhiger und entspannter werde. Erlebst du das bei vielen Menschen, die hier ankommen?
Ja, das geht hier vielen so. Viele Menschen kommen hier an und merken erst einmal, wie müde sie eigentlich sind. Nicht unbedingt körperlich. Eher auf eine tiefere Weise.
Sie haben lange Verantwortung getragen, Entscheidungen getroffen, Projekte begleitet oder für andere Menschen gesorgt. Manche kommen aus Gemeinschaften, manche aus Unternehmen, manche aus Familienkontexten. Viele sind es gewohnt, ständig etwas im Blick behalten zu müssen.
Und plötzlich landen sie an einem Ort, an dem sie das alles für einen Moment loslassen dürfen.
Sie müssen nichts organisieren. Niemand erwartet eine Leistung oder fragt, was sie erreicht haben. Sie dürfen einfach da sein.
Wenn du diesen Ort beschreiben müsstest – worum geht es hier im Kern?
Menschen daran zu erinnern, dass sie getragen werden.
Viele von uns sind mit der Vorstellung aufgewachsen, alles alleine schaffen zu müssen. Wir lernen früh, Verantwortung zu übernehmen, unabhängig zu sein und unsere Bedürfnisse zurückzustellen. Gleichzeitig verlieren viele dabei den Kontakt zu etwas sehr Grundlegendem: dem Gefühl, eingebunden zu sein.
Hier erleben Menschen oft zum ersten Mal seit langer Zeit wieder, wie es sich anfühlt, Teil eines lebendigen Netzes zu sein.
Sie spüren, dass andere Menschen da sind. Dass sie Unterstützung annehmen dürfen. Dass sie nicht alles alleine halten müssen.
Und manchmal reicht diese Erfahrung bereits aus, damit sich etwas tief im Inneren verändert.
Und wodurch entsteht dieses Gefühl ganz konkret? Wenn ich mich hier umschaue, habe ich den Eindruck, dass es nicht nur die Landschaft ist. Es scheint auch viel mit den Menschen zu tun zu haben, die diesen Ort tragen.
Ja, auf jeden Fall. Natürlich helfen der See, die Bäume und die Ruhe. Aber vieles entsteht durch die Menschen und die Kultur, die wir hier miteinander leben.
Wir leben hier mit ungefähr vierzig Erwachsenen und Kindern. Und es kommen viele Gäste vorbei, manche für einige Tage, andere für Wochen oder sogar Monate. Viele kehren immer wieder zurück.
Vielleicht ist es genau diese Mischung aus Beständigkeit und Offenheit, die den Ort prägt. Mit den Jahren ist daraus ein großes Beziehungsnetz entstanden, das weit über diesen Ort hinausreicht.
Viele Besucher*innen kommen mit Fragen hierher. Manche stehen an Wendepunkten ihres Lebens. Andere tragen Konflikte oder Entscheidungen mit sich herum.
Oft erwarten sie Ratschläge. Doch was sie stattdessen erleben, ist Aufmerksamkeit.
Jemand hört wirklich zu. Jemand hält einen Raum offen, ohne etwas von ihnen zu wollen und darin liegt oft eine große Kraft.
Gleichzeitig wirkt der Ort überhaupt nicht passiv. Überall scheint etwas zu entstehen.
Ja, weil Regeneration für uns nie nur Rückzug bedeutet. Wenn Menschen wieder bei sich ankommen, entsteht oft ganz natürlich Kreativität.
Kreativität gehört für uns zum Leben wie Essen oder Schlafen.
Überall entstehen kleine und große Projekte. Menschen musizieren, malen, bauen, schreiben oder experimentieren mit Naturmaterialien. Kinder und Erwachsene erschaffen oft gemeinsam Dinge, ohne dass klar sein muss, was am Ende dabei herauskommt.
Was ich besonders liebe, ist die Vergänglichkeit vieler dieser Werke.
Einige Kunstwerke bestehen aus Blättern, Ton oder Ästen. Der Wind verändert sie. Der Regen löst sie auf. Nach einigen Wochen bleibt vielleicht nur eine Erinnerung.
Früher hätte ich vieles festhalten wollen. Heute berührt mich gerade das Vorübergehende.
Es erinnert mich daran, dass Schönheit nicht davon abhängt, wie lange etwas bleibt.
Sie deutet auf Jans Wandbild.
Vielleicht wird es in einigen Monaten schon ganz anders aussehen. Und genau das macht es für mich schön.
Während wir sprechen, stehen wir auf und gehen langsam in Richtung Garten. Zwischen den Beeten summen Bienen. Junge Pflanzen strecken ihre Blätter dem Licht entgegen.
Wir leben bewusst mit den Rhythmen der Natur.
Im Winter wird es ruhiger. Menschen ziehen sich zurück, reflektieren und sammeln Kraft. Im Frühling entsteht Aufbruch. Ideen beginnen zu keimen, Projekte nehmen Gestalt an. Der Sommer bringt Fülle, Begegnung und Lebendigkeit. Im Herbst geht es um Ernte, Dankbarkeit und Loslassen.
Ich habe das Gefühl, dass viele Menschen oft den Kontakt zu diesen Rhythmen verloren haben und von sich erwarten, das ganze Jahr über gleich leistungsfähig zu sein.
Hier lernen viele wieder wahrzunehmen, wann sie Kraft haben und wann sie Ruhe brauchen.
Diese Haltung verändert auch den Umgang mit Ressourcen.
Statt ständig mehr anzustreben, entsteht Vertrauen in natürliche Kreisläufe.
Und dieses Verständnis prägt vermutlich auch den Umgang mit Geld und anderen Ressourcen?
Ja. Geld ist ein Teil unseres Lebens und damit auch ein Teil dieses Ortes.
Ich selbst habe mich viele Jahre intensiv mit der Frage beschäftigt, wie wir verantwortungsvoll mit Geld und anderen Ressourcen umgehen können.
Lange Zeit war das mit Unsicherheit verbunden. Ich habe mich intensiv mit gesellschaftlicher Ungleichheit beschäftigt und hatte das Gefühl, zwischen Dankbarkeit und Schuld hin- und hergerissen zu sein.
Der entscheidende Wandel begann, als ich aufhörte, diese Fragen alleine lösen zu wollen.
Ich begann, mich mit anderen Menschen auszutauschen. Menschen mit ganz unterschiedlichen Erfahrungen, Perspektiven und Hintergründen.
Dabei wurde mir klar, dass Geld selten nur ein finanzielles Thema ist.
Es berührt Fragen von Vertrauen, Zugehörigkeit, Macht, Verantwortung und Beziehungen.
Je mehr wir darüber gesprochen haben, desto freier wurde der Umgang damit.
Und irgendwann entstand daraus etwas, das heute ein wichtiger Teil dieses Ortes ist.
Der Tempel der Fülle?
Genau. Der Tempel der Fülle ist ein runder Raum aus Lehm und Holz. Wenn man ihn betritt, wirkt er zunächst erstaunlich schlicht und gleichzeitig hat er eine besondere Wirkkraft.
Menschen beschäftigen sich dort mit ihren Beziehungen zu Ressourcen. Sie erforschen, wie sich Geben anfühlt. Wie es ist, Unterstützung anzunehmen. Wie sie klare Grenzen setzen können. Wie sie Entscheidungen treffen, wenn viel Verantwortung damit verbunden ist.
Manche bringen konkrete finanzielle Fragen mit. Andere kommen mit Themen, die auf den ersten Blick gar nichts mit Geld zu tun haben.
Doch häufig landen wir bei denselben Grundfragen:
Vertraue ich dem Leben?
Kann ich empfangen?
Darf ich sichtbar werden?
Bin ich bereit, meinen Beitrag zu leisten?
Für mich ist der Tempel vor allem ein Ort, an dem innere und äußere Fülle wieder miteinander in Verbindung kommen.
Gibt es eine Geschichte, die das greifbar macht?
Viele. Ich möchte dir von einer Begegnung erzählen, die mich bis heute berührt.
Eine Frau kam zu uns, die seit vielen Jahren über große finanzielle Ressourcen verfügte. Kaum jemand in ihrem Umfeld wusste davon. Sie sprach selten darüber und fühlte sich mit diesem Teil ihres Lebens sehr allein.
Eines Tages saßen wir mit ihr in einem Kreis am See.
Niemand machte Vorschläge. Niemand präsentierte Projekte. Menschen hörten einfach zu.
Nach und nach begann sie zu erzählen, wie viel Angst und Unsicherheit sie über Jahre mit sich getragen hatte.
Später entschied sie sich aus eigener Initiative, einen Teil ihres Vermögens in einen Gemeinschaftsfonds einzubringen.
Was mich bewegte, war weniger die Entscheidung selbst als ihre Ausstrahlung danach.
Sie wirkte leichter. Und sie sagte einen Satz, den ich nie vergessen habe:
„Zum ersten Mal fühlt sich dieses Geld nicht mehr getrennt von mir an.“
Wenn ich dir zuhöre, habe ich das Gefühl, dass dieser Ort über die Jahre viele solcher Erfahrungen gesammelt hat. Es wirkt fast, als wäre er selbst aus genau diesen Begegnungen entstanden.
(lacht) Ja, das stimmt. Und damit sind wir auch schon bei seiner Geschichte.
Die Wurzeln dieses Ortes reichen zurück zur ersten CREATE Convention. Damals hatte ich die Vision, einen Raum zu schaffen, in dem Menschen neue Formen von Gemeinschaft, Zusammenarbeit und gesellschaftlichem Wandel nicht nur diskutieren, sondern erleben können.
Auf diese erste Convention folgten weitere Conventions, die digitale Community, Ortsgruppen und schließlich die Idee von Orten wie diesem.
Besonders die 3. CREATE Convention 2026 brachte viele Menschen zusammen, die nach neuen Formen von Gemeinschaft, Zusammenarbeit und gesellschaftlichem Wandel gesucht haben.
Rückblickend sehe ich diese Zeit wie ein großes Experimentierfeld.
Menschen trafen einander, gründeten Projekte, unterstützten sich gegenseitig und begannen, ihre Ideen in die Welt zu bringen.
Mit den Jahren entstand daraus ein Netzwerk von Orten, Initiativen und Gemeinschaften. Manche sind klein geblieben, andere haben sich stark entwickelt.
Dieser Ort ist einer von vielen Zweigen, die aus diesen Verbindungen gewachsen sind.
Und vielleicht liegt genau darin seine größte Schönheit.
Er wurde nicht nach einem Masterplan gebaut, sondern ist aus Beziehungen entstanden.
Wenn du in die Zukunft blickst, was wünschst du dir?
Dass Orte wie dieser nichts Besonderes mehr sind, weil es viele davon gibt.
Orte, an denen Gemeinschaft wieder selbstverständlich wird.
Orte, an denen Menschen jeglichen Alters miteinander leben, die die unterschiedlichsten Hintergründe und Perspektiven haben.
Orte, an denen Menschen erleben können, wie nährend es ist, Ressourcen zu teilen und Verantwortung gemeinsam zu tragen.
Ich wünsche mir, dass wir wieder lernen, in Kreisläufen zu denken. Dass wir erkennen, wie viel bereits vorhanden ist und wie viel möglich wird, wenn Menschen teilen, was sie haben.
Gibt es etwas, das du zum Abschluss teilen möchtest?
Je älter ich werde, desto deutlicher sehe ich, dass Fülle selten dort entsteht, wo Menschen alles für sich behalten.
Sie entsteht dort, wo etwas in Bewegung und in Beziehung kommt.
Wo Menschen Zeit teilen. Aufmerksamkeit. Wissen. Räume. Geld. Vertrauen.
Vielleicht ist das die einfachste Erkenntnis dieses Ortes:
Dass wir viel weniger getrennt voneinander sind, als wir oft glauben.
Und dass ein gutes Leben leichter wird, wenn wir aufhören zu meinen, alles alleine tragen zu müssen.
Nachklang
Als wir unser Gespräch beenden, steht die Sonne bereits hoch am Himmel.
Aus dem Garten dringt leises Stimmengewirr. Kinder laufen über die Wiese. Am Seeufer sitzt eine kleine Gruppe im Kreis und spricht miteinander. Jan arbeitet noch immer an seinem Wandbild.
Für einen Moment wirkt alles erstaunlich einfach.
Und während ich mich verabschiede, entsteht der Eindruck, dass die eigentliche Besonderheit dieses Ortes gar nicht in seinen Gebäuden oder Konzepten liegt, sondern in einer Erfahrung, die viele Menschen hier wiederentdecken:
Dass Leben leichter wird, wenn wir uns gegenseitig tragen.
Und dass Fülle dort entsteht, wo das, was vorhanden ist, wieder in Bewegung kommen darf.
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