Simon schaut über die Landschaft: „Vor zwanzig Jahren hätten wir niemals geglaubt, dass München sich weitgehend selbst ernähren könnte. Heute ist das Realität. Regenerativ, fair und gemeinschaftlich.“
Simon, wie hoch ist die Selbstversorgung hier im Münchener Umland?
In der Region München versorgen wir uns heute zu etwa 80 Prozent selbst. Nicht durch große Betriebe, sondern durch viele kleine Höfe, Gemeinschaftsgärten, Stadtfelder, Verarbeitungsinitiativen, Dachgärten. Alles ist miteinander verknüpft: Gärtnereien mit Kompostbetrieben, Bäckereien mit Getreideanbau, Gemeinschaftsküchen mit Nachbarschaften.
Wie hat sich die Landwirtschaft geändert?
Wir haben hier keine anonymen Lieferketten mehr, sondern Kreisläufe: Kompost geht zurück aufs Feld, überschüssige Ernte wird eingekocht, fermentiert oder getrocknet, und das Wissen wandert von Mensch zu Mensch und Generation zu Generation weiter. Wir haben aufgehört, Essen als billige Ware zu sehen. Das Ziel ist nicht mehr Profitmaximierung, sondern stabile Versorgung und Lebensqualität. Es geht um Beziehung – mit dem Boden, mit den Lebensmitteln, mit den Erzeugenden und miteinander als Konsumierende. Diese Ernährungswende war das Werk der vielen Menschen, die damals erkannt haben, dass eine grundlegende gesellschaftliche Transformation unabdingbar ist und mit der Landwirtschaft beginnen muss. Mit diesem Bewusstseinssprung wurden sie dann aktiv und haben damit all dies ermöglicht.
Kannst du dieses System genauer beschreiben?
Das alte System war linear und anonym: Produzent, Weiterverarbeiter, Großhandel, Supermarkt, Konsumentin, Müll. Heute ist das Netz zirkulär. Wir wissen wieder, wer uns ernährt, und die Menschen, die das tun, wissen, für wen sie’s tun.
Heute bilden viele städtische Regionen ihren eigenen, selbstverwalteten und gemeinschaftsgetragenen Versorgungsraum, meist im Radius von 50 bis 80 Kilometern. Das Rückgrat darin bilden regionale Ernährungskreise – kleine Gremien, in denen Vertreter- und Repräsentantinnen von Landwirtschaft, Handwerk, Logistik und Verbraucher zusammenkommen und sich abstimmen. Sie koordinieren, was geerntet wird, was gebraucht wird, wie viel Arbeitskraft verfügbar ist. Jede Woche melden die Höfe und Betriebe, was ansteht: Ernte, Verarbeitung, Vorbereitung. Niemand bleibt auf der Ernte sitzen. Statt Großhandel haben wir Logistik-Plattformen, dezentrale Verteilstellen und Mitgliederläden.
Also Wertschöpfungs-Ökosysteme?
Ja, genau. Wir haben hier starke Netzwerke und enge Beziehungen: Ich kenne die Menschen, die mich ernähren. Und sie kennen mich. Wir vertrauen und unterstützen uns. Wenn ein Hof vom Hagel erwischt wird, bekommt er Unterstützung. Fehlt es irgendwo an Menschen, die mit anpacken, freuen sich Viele, aushelfen zu dürfen. Wir teilen uns die größeren Landmaschinen und feiern mehrmals im Jahr Dankbarkeitsfeste.
Und das Schöne: Jede Region hat wieder ihr eigenes Gesicht. Hier um München sind Getreide, Gemüse und Pilze zentraler, im Norden sind es Milchprodukte und Hanf, im Westen eher Wein und Obst. Das ergibt ein lebendiges Mosaik.
Was sind die Grundprinzipien dieses Systems?
Es gibt Leitprinzipien:
Erstens, Prosumententum und geteilte Verantwortung: Die Grenzen zwischen Produktion und Konsum verschwimmen, da Kunde:innen zu Mitgliedern und Prosument*innen wurden. Sie teilen die Kosten, die Verantwortung und das unternehmerische Risiko.
Zweitens, gemeinsame Finanzierung: Die Produkte und Dienstleistungen werden nicht mehr für einen Marktpreis verkauft, sondern die Mitglieder entrichten Beiträge, wodurch die Lebensmittel ihren Preis verlieren und ihren Wert zurückerhalten. Die laufenden Kosten werden also durch Kostenbeiträge der Mitglieder verbindlich für mindestens ein Wirtschaftsjahr finanziert. Die Kalkulation ist kostendeckend und nicht auf Gewinnmaximierung ausgerichtet. Die Beitragshöhe wird solidarisch nach den finanziellen Möglichkeiten der Mitglieder in Beitragsrunden ermittelt. Die Menschen teilen also die Verantwortung als Ausdruck von Solidarität und Wertschätzung.
Drittens, bedürfnisorientierte Produktion: Die Erzeugung und Bereitstellung der Güter und Dienstleistungen richtet sich gezielt nach den Bedürfnissen der Mitglieder und der Mitwelt. Die Landwirtschaft baut Boden auf, fördert Biodiversität, speichert Wasser und CO₂. Tiere sind wieder Teil der Kreisläufe – nicht Ware, sondern Mitwesen.
Viertens, Transparenz und überschaubare Strukturen: Das Budget, die Produktionsstandards und die Mittelverwendung werden immer offengelegt. Die gesamte Wirtschaftsweise baut auf direkten Beziehungen, Verbundenheit und einer stets überschaubaren Organisationsgröße auf, was Vertrauen und Verantwortung fördert. Jeder und jede kennt die Menschen, die ihn oder sie ernähren. Kinder besuchen Höfe, Erwachsene helfen bei der Ernte, Schulklassen lernen über Böden, Kreisläufe und Tierwohl.
Im Kern geht es also um eine neue Kultur des Miteinanders und darum, das Leben nach den natürlichen Zyklen auszurichten und regenerativ zu handeln.
Du hast mit dem Kartoffelkombinat und deinem Engagement im SoLaWi Netzwerk maßgeblich zur Ernährungswende beigetragen. Kannst du die CSX-Leitprinzipien am Beispiel einer Solawi erläutern?
Das Prinzip der Solidarischen Landwirtschaft ist simpel: Menschen tragen die Kosten der landwirtschaftlichen Produktion gemeinsam, statt die Erzeugnisse einzeln zu kaufen. Sie finanzieren über einen monatlichen Beitrag die Kosten und bekommen dafür einen sogenannten Ernteanteil, meist über eine wöchentliche Gemüsekiste – was eben geerntet wird. Mal etwas mehr, mal etwas weniger. So haben die Erzeugenden eine sichere wirtschaftliche Basis, mit der sie gut kalkulieren können. Und die Mitglieder bekommen im Gegenzug Zugang zu ökologisch erzeugten, gesunden Lebensmitteln direkt vor ihrer Haustür. Zudem gibt es üblicherweise viele Möglichkeiten, aktiv mitzuwirken. Passive Konsumierende werden zu Prosumierenden, die sich mit Geld, Herz und Hand einbringen.
Wie entstand das alles?
1988 gab es den ersten SoLaWi-Hof, den Buschberghof in Schleswig-Holstein. Unser Kartoffelkombinat bei München startete 2012 mit 50 Haushalten als erste SoLaWi in Form einer Genossenschaft. Ich habe selber keinen grünen Daumen, aber mich immer aktiv als Netzwerker und Transformationsarchitekt in den Dienst des neuen Ernährungssystems gestellt. Denn alles beginnt mit dem Boden.
Welche Rolle hat das Netzwerk Solidarische Landwirtschaft in der Ernährungswende gespielt?
Wir sahen unsere Aufgabe in der Verbreitung von Wissens und Best Practices, gaben Starthilfe sowie Beratung und vernetzten die Akteure. Wir nannten uns damals etwas sperrig „Systemdienstleister“. In der frühen Anfangsphase war die SoLaWi Bewegung sehr idealistisch mit vielen, auch zuweilen hinderlichen Glaubenssätzen und oft gefangen im Anspruch, alles im Konsens auszutragen. Dann gab es in den 2020ern eine Welle der “Professionalisierung”, die wir sowohl innerhalb unserer Netzwerkstruktur als auch in vielen Solawi-Betrieben erlebt haben.
Was hat diese große Transformation des Ernährungssystems ermöglicht?
Ende der 2020er Jahre waren Landwirtschaft und Lebensmittelhandel am Limit – ökologisch, sozial, kulturell. Wir befanden uns in einer schlimmen Phase des Turbokapitalismus. Und wir erlebten aufgrund des Klimawandels immer mehr Extremwetter: Dürren, Fluten und nachfolgende Missernten. Unser Ernährungssystem war sehr gefährdet.
Als wir erstmals wieder Knappheiten und sogar Hunger erlebten, wuchs bei vielen Menschen der Wunsch nach Unabhängigkeit von anonymen Lieferketten. Gleichzeitig entstand Bedarf nach einer Landwirtschaft, die krisenfest arbeitet, dem Klimawandel standhält und Ressourcen aufbaut, statt sie zu verbrauchen. Dies gelang durch Agroforstsysteme, humusaufbauende Bewirtschaftung und wasserspeichernde Methoden, wodurch auch die Artenvielfalt zurückkehrte.
Gleichzeitig wollten die Menschen weg von gespritzten, geschmack- und energielosen Lebensmittel, die durch ganz Europa gekarrt werden mussten. Sie wollten die Massentierhaltung und das Tierleid nicht mehr. Sie wollten Verantwortung übernehmen und aktiv mitgestalten, was und wie produziert wird. Überall entstanden Experimentierräume: Kooperativen, Ernährungsparlamente, Schulbauernhöfe. Irgendwann sind dann auch die Universitäten sowie die zivilgesellschaftliche Praxisforschung aufgesprungen und es gab immer mehr Reallabore.
Gleichzeitig gab es ja eine gewisse Stadtflucht und an vielen Orten eine Revitalisierung dörflicher Strukturen. Menschen zog es vermehrt aufs Land, um dort mit dem Boden und der Natur in Beziehung zu treten. So ist Schritt für Schritt ein neues System gewachsen.
Gab es bestimmte Vorreiter-Regionen?
Ende der 2020er schlossen sich deutschlandweit immer mehr Solawi-Betriebe mit in die Krise geratenen Erzeuger-Verbraucher-Genossenschaften zusammen. Auch klassische Großhandelsstrukturen schwenkten auf die CSX-Prinzipien um, um echte regionale, gemeinschaftlich getragene Grundversorgung zu organisieren – von der Saat bis zur Bäckerei. In München, um Hamburg, Leipzig und Berlin, aber auch in ländlichen Räumen entstanden im laufe weniger Jahre immer größer werdende, wirklich auch funktionale CSX-Cluster: Netzwerke aus bis zu 40 Betrieben, die gemeinsam planten, investieren, voneinander lernten, aber auch eigene Kulturräume entwickelten.
Besonders erwähnenswert ist die Achse Freiburg, Witzenhausen und Eberswalde – das waren Brutstätten dieser neuen Wirtschaftsweise. Viele Prinzipien und Praktiken, die dort erforscht und erarbeitet wurden, haben sich in alle Regionen Europas verbreitet – von so einer unglaublichen Entwicklung konnten wir die Jahre zuvor nur träumen. In vielerlei Hinsicht waren diese Entwicklungen auch Vorboten der größeren gesellschaftlichen Veränderungen. Denn – wie bereits erwähnt – alles beginnt in der Landwirtschaft und mit dem Boden.
Gemeinschaftsprojekte scheitern ja auch mal. Warum hat es hier funktioniert?
Natürlich war der Weg nicht nur romantisch. Kollektive Verantwortung klingt schön, aber sie braucht klare Rollen und Verbindlichkeit. Einige Projekte sind daran gescheitert. Oft, weil Zuständigkeiten diffus waren oder Konflikte nicht bearbeitet wurden. Wir haben gelernt: Gemeinschaft braucht Struktur, klare Rollen und klare Verantwortungen. Heute haben wir feste Hüter:innen der Finanzen, des Bodens, der Energie. Dabei haben wir viele Prinzipien der Soziokratie übernommen – Kreise, Konsent-Entscheidungen, gute Moderation, Transparenz. Und wir haben eine Kultur des ehrlichen Feedbacks. Wenn jemand etwas nicht schafft oder sich übernimmt, wird das angesprochen. Konflikte und Spannungen als Geschenke und konstruktiver Teil eines lernenden und organischen Systems. Das Wichtigste bei allem ist Vertrauen und Beziehung. Das braucht kontinuierliche Pflege.
Du bist jetzt 72, was beschäftigt dich zurzeit?
(lacht) Meine aktive Zeit liegt hinter mir. Ich bin erfüllt und voller Dankbarkeit, das alles erlebt und auch überlebt zu haben. Früher habe ich definitiv zu viel Zeit in Meetings, Krisen und mit Konflikten verbracht. Aber jetzt, wenn ich sehe, wie hier Kinder Möhren ernten und die Landschaften erblühen, dann denke ich: Ja, das war’s wert.
Mittlerweile bin ich im Winter meines Lebens angekommen. Mein Schaffensdrang ist nicht mehr so groß. Ich mag es weiterhin, Erfahrungen zu teilen und Geschichten zu erzählen. Ich bekomme viel Besuch und dann sitzen wir bei einem warmen Kräutertee und plaudern oft noch über die Magie von Selbstorganisation und Beziehungsorientierung. Doch die meisten Herausforderungen, die wir heute als Gesellschaft noch haben, können wir gut meistern. Es ist nicht mehr wie früher, dieses Gefühl von ‚wir schaffen das nicht‘, oder ‚es wird schlimm und furchtbar‘. Das haben wir glücklicherweise überwunden. Wir schwingen höher. Wir sind in Verbundenheit. Und viel mehr in der Liebe.
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