Simon, du hast vor über zehn Jahren gesagt: „The future is regenerative.“ Jetzt, 2035 – würdest du sagen, die Gegenwart ist es geworden?
Regeneration ist kein Endzustand, sondern eine Bewegung – ein ständiges Lernen, wie wir wieder Teil des Lebens werden können, anstatt über ihm zu stehen. Aber wir sind auf einem guten Weg.
In den Kollapsjahren war das anders. Da mussten wir schmerzhaft lernen, was es heißt, wenn Systeme an ihre Grenzen kommen – ökologisch, sozial, ökonomisch.
Was waren für dich die entscheidenden Momente in dieser Zeit?
Es gab keinen einzigen Wendepunkt. Es war eher ein langsames Zusammenfallen. Systeme, auf die wir uns verlassen hatten, funktionierten einfach nicht mehr. Die 2020er und frühen 2030er waren ein Sterbeprozess – Finanzsysteme, Rentenmodelle, Lieferketten und ganze Industrien kollabierten. Und gleichzeitig entstand Raum für Neues.
Die alte Idee, dass Wirtschaft unbegrenzt wachsen kann, hielt dem Druck nicht mehr stand. Es wurde klar: Wenn wir überleben wollen, muss die Wirtschaft lernen, innerhalb der planetaren Grenzen zu funktionieren. Unternehmen, Städte, Gemeinden begannen, die planetaren Grenzen ernst zu nehmen – und sie gesetzlich zu verankern.
Wie hat dieser Wandel begonnen?
Mit klaren Rahmenbedingungen. Früher war es billig, die Welt zu zerstören, und teuer, sie zu schützen. Heute ist es umgekehrt. Wer Böden vergiftet, Wasser verschwendet oder soziale Schäden verursacht, zahlt – wer regenerativ handelt, wird entlastet. Arbeit und Fürsorge wurden steuerlich günstiger, Ressourcenverbrauch teurer.
Reparaturwerkstätten sind voll, weil Ersatzteile nullbesteuert sind, während Neuware mit hoher Materialintensität spürbar teurer kommt. Verbindliche Kreislaufquoten statt „freiwilliger“ Recyclingziele. Pfand auf Elektronik und Textilien, Rücknahme in der Pflicht des Herstellers, digitale Produktpässe, die zeigen, was drinsteckt und wohin es zurückfließt.
Früher war es rentabel, Müll zu produzieren, Menschen auszubeuten und Rohstoffe zu verschwenden. Heute ist es umgekehrt: Unternehmen verdienen Geld, wenn sie Biodiversität fördern, soziale Stabilität sichern oder zirkuläre Systeme aufbauen.
Das war kein moralisches Projekt – es war eine Frage der Überlebensfähigkeit.
Du sprichst oft von der „kulturellen Grundmelodie“, die sich verändert hat. Was meinst du damit?
Wir haben jahrhundertelang in Dominanzsystemen gelebt – „wir gegen die“. Wir gegen die Natur, gegen andere Nationen, gegen Schwäche. In den Krisenjahren wurde spürbar: Das war ein Programm der Selbstzerstörung.
In den 2030ern begann langsam ein anderes Lied – das der Fürsorge. Nicht als sentimentale Idee, sondern als Überlebensstrategie. Fürsorge gegenüber Menschen, Ökosystemen, Ressourcen – nicht aus Altruismus, sondern weil wir verstanden haben, dass wir ohne sie nicht existieren.
Heute haben wir dadurch ein besseres Gleichgewicht. Dominanz ist nicht verschwunden – sie wird gebraucht, um gesunde Grenzen zu setzen. Aber sie steht wieder in Balance mit dem, was man früher das „Weibliche Prinzip“ nannte: Verbundenheit, Zirkularität, Kooperation. Das ist kein esoterisches Konzept – das ist eine neue kulturelle Betriebssystem-Version der Menschheit.
Wie zeigt sich das in Unternehmen konkret?
Viele Firmen arbeiten inzwischen in neuen Rechtsformen – Verantwortungseigentum war der Anfang. Heute gibt es die Gesellschaft mit gebundenem Vermögen. Praktisch heißt das: Gewinne sind zweckgebunden (Reinvest, Gemeinwohlfonds, Planetenkonten), Mitbestimmung ist tief verankert.
Führungskräfte gelten als Stewards – Hüter eines Beziehungsgeflechts.
Niemand kann mehr unbegrenzt akkumulieren oder vererben. Wenn eine Firma zu groß wird, teilt sie sich wie biologische Zellen. Das verhindert Machtballungen, die in den 2020ern demokratische Prozesse ausgehöhlt haben.
Manche Unternehmen haben heute sogar „Naturbeiräte“: Gremien, in denen Biologen, Landwirte oder indigene Vertreter die Stimme des Bodens, der Gewässer oder der Artenvielfalt vertreten.
TheDive feiert dieses Jahr den 20. Geburtstag. Was hat sich verändert?
TheDive ist heute Teil eines größeren Ökosystems von Organisationen, die mit ähnlichem Purpose arbeiten. Schon in den 2020ern wollten wir zeigen, dass Organisationen wie lebendige Organismen funktionieren – adaptiv, lernend, zirkulär. Heute sind wir Teil eines Netzwerks aus rund 30 Organisationen, die sich gegenseitig Ressourcen, Wissen und Menschen leihen.
Keiner arbeitet für sich allein. Wir nennen das Kooperationsintelligenz.
Wir begleiten Regionen beim Umbau zu regenerativen Wirtschaftsclustern, beraten die Regierung bei der neuen „Wirtschaftsverfassung“ und bilden Führungskräfte zu Hütern des Lebendigen aus.
Und das Entscheidende: Wir verdienen Geld damit, dass das Ganze gesünder wird – nicht kränker.
Wenn du auf die letzten Jahrzehnte zurückblickst – was war der wichtigste Lernmoment?
Dass Fürsorge kein Luxus ist, sondern Grundlage von Stabilität.
Und dass Grenzen nicht einschränken, sondern Leben ermöglichen.
Und dass Wirtschaft, wenn sie lebendig sein will, sich selbst als Teil der Erde begreifen muss.
Ich glaube nicht, dass wir schon regenerativ sind – aber wir zerstören nicht mehr aktiv. Wir haben aufgehört, Holz ins Feuer zu werfen. Vielleicht ist das der Anfang einer wirklich erwachsenen Zivilisation.
Während wir aufstehen, streicht ein Wind durch die Apfelbäume.
In der Ferne tuckert ein Solartraktor über ein Feld, auf dem alte Sorten wachsen – Roggen, Lein, Lupinen.
Simon schaut hinüber und sagt leise: „Arbeiten heißt heute: das Lebendige mehren. Nicht meins, nicht deins – unseres.“
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