Um was soll es auf dem Treffen der vereinigten Klima-Taskforces gehen?, frage ich. „Am ersten Tag bilanzieren wir Strategien, am zweiten blicken wir in die Zukunft. Ich kann schon jetzt sagen: Wir waren erfolgreich, weil wir Wert darauf gelegt haben, dass sich Kommunen als soziale Gemeinschaften zusammenfinden – entgegen dem früheren Trend zur Vereinzelung.“
Wie kam das? „Gespräche, Gespräche, Gespräche! In Nürtingen, wo alles anfing, haben wir den Oberbürgermeister, Politik, Verwaltung, Unternehmen, Wissenschaft und Zivilgesellschaft an einen Tisch gebracht. Zusammen sprachen wir in Arbeitsgruppen alle möglichen Klimamaßnahmen durch und setzten diese gemeinsam um: Bauen mit regenerativen Baustoffen, gemeinschaftlich gedämmte Häuser, Energiegenossenschaften, Bodenentsiegelung, Begrünung, Carsharing, urbane Gärten und mehr. Ein Kernstück war die gemeinschaftsgetragene Wirtschaft.“ So seien viele neue Gemeinwohlbetriebe und Nachbarschaftsprojekte entstanden. Und diesem Modell seien nach und nach viele andere Städte gefolgt. „Je mehr mitmachten, umso einfacher wurden Wissenstransfer und Umsetzung. Es gab unzählige Best Practices, etwa zum Verkehr, wie wir auch hier sehen.
Hinter dem Earth Dome führt der Höhenpfad auf die Erde zurück. Wir schlendern über den parkähnlichen Platz. Wie wurde denn der gesamte Umbau bezahlt? „Auf Bundesebene vor allem durch die massive Besteuerung der Reichen und Superreichen. Und das Klimageld hat die Akzeptanz von Klimaschutz stark gefördert. Je mehr CO2 eine Person ausstößt, desto höhere Abgaben muss sie bezahlen. Die Einnahmen gibt der Staat pauschal an die Bevölkerung zurück, sodass ärmere Menschen mit kleinem CO2-Fußabdruck einen Vorteil bekamen. Die neue soziale Gerechtigkeit war entscheidend für den Erfolg.“
Gab es keinen Widerstand? „Doch. Aber eben auch immer mehr Wetterextreme, die viel Leid und Kosten verursachten. Und erinnern Sie sich an den politischen Lockdown, als die Parteien am Ende der 20er Jahre gar nicht mehr anders konnten, als der Bevölkerung zuzuhören und mit uns zusammenzuarbeiten? Durch unsere Arbeit gelang es uns, eine Bevölkerungsmehrheit politisch und finanziell an allen Projekten und Maßnahmen zu beteiligen.“
Wasserspiele versprühen Tropfen in der Sonne, Vögel flattern auf. Was war denn unter allen Strategien die erfolgreichste gewesen sei?, forsche ich nach. „Positive Veränderungen vor der eigenen Haustür“, antwortet sie prompt. „Und deshalb haben wir in jedem Ort geschaut: Was ist der ursprünglich schönste Platz hier mit dem meisten Potenzial? Oft waren es historische Markt- und Rathausplätze, die zugeparkt, kommerzialisiert oder verschandelt worden waren. Wir diskutierten mit Verwaltung und Bevölkerung in einem längeren partizipativen Prozess: Wie können wir den Platz so verwandeln, dass er zu einem wunderschönen Begegnungsort mit Strahlkraft wird, von dem sich alle eingeladen fühlen? Denn dann wird er zum Ausgangspunkt für weitere Veränderungen in der Kommune. So wie hier.“
Ist die Welt jetzt klimagerecht?
Gab es keine Blockaden? „Doch. Aber auch viele überzeugende Beispiele, wie es anders gehen kann, angefangen bei den verkehrsberuhigten Superblocks in Barcelona. Eine Zeitung rechnete schon 2024 aus, dass durch eine gut geplante Verkehrswende etwa in Hamburg zwei Millionen Quadratmeter Fläche frei würden. Zwei Millionen! So entstanden nach und nach auf früheren Parkplätzen und Verkehrsknotenpunkten Parks, Kitas, Gemeinschaftsgärten oder neuer sozialer Wohnungsbau. Und nachbarschaftliche Werkstätten oder Gemeinschaftseinrichtungen mit tollen Bildungs-, Kultur- und Mitmachangeboten.“
Ist die Welt jetzt klimagerecht? „Noch nicht“, gibt Clara Schweizer zu. „Das ist ein langer Prozess. Häuser müssen saniert, erneuerbare Energien installiert werden und so weiter. Aber wir sind jetzt gelassener. Deshalb haben sich die Fridays for Future auch aufgelöst, Kinder und Jugendliche können sich wieder auf anderes konzentrieren. Unsere Leute von den Klima-Taskforce sitzen in Parlamenten, Unternehmen und Verwaltungen. Und wir verbringen viel Zeit damit, uns mit Menschen aus anderen Ländern auszutauschen. Um eine Weltgemeinschaft entstehen zu lassen.“ Sie zeigt auf die Kugel des Earth Dome, in der gleich die Konferenz beginnt. Junge und Alte, modisch Gestylte und konservativ Gekleidete, Menschen aller Couleur strömen hinein. „Wir haben in allen Ländern dieselben Wünsche nach Verbundenheit und einer guten Zukunft, oder?“
Wir danken der GLS Bank für die Beauftragung dieses Zukunftsinterviews (hier das Original), für die fruchtbare Zusammenarbeit und für ihren Einsatz für eine lebensdienliche Wirtschaft.
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