„Der Ort, an dem Fülle fließen darf“ – Cathérine Lehmann (2040)

Cathérine Lehmann
Initiatorin von CREATE Regeneration und Vernetzerin von Menschen, Orten und Ressourcen. Ihr Wirken bewegt sich an der Schnittstelle von Gemeinschaft, Regeneration und neuen Formen des Umgangs mit Geld, Verantwortung und Fülle.

Cathérine, ich merke gerade selbst, wie schnell ich hier ruhiger und entspannter werde. Erlebst du das bei vielen Menschen, die hier ankommen?

Ja, das erlebe ich immer wieder. Viele Menschen kommen hier an und spüren erst einmal, wie viel sie in den vergangenen Monaten oder Jahren getragen haben.

Sie haben Verantwortung übernommen, Entscheidungen getroffen, Projekte begleitet oder für andere Menschen gesorgt. Oft wird ihnen erst hier bewusst, wie viel Kraft das eigentlich gekostet hat.

Und plötzlich landen sie an einem Ort, an dem sie das alles für einen Moment loslassen dürfen.

Sie müssen nichts organisieren. Niemand erwartet eine Leistung oder fragt, was sie erreicht haben. Sie dürfen einfach da sein.

Wenn du diesen Ort beschreiben müsstest – worum geht es hier im Kern?

Menschen daran zu erinnern, dass sie getragen sind.

Viele von uns sind mit der Vorstellung aufgewachsen, alles alleine schaffen zu müssen. Wir lernen früh, Verantwortung zu übernehmen, unabhängig zu sein und unsere Bedürfnisse zurückzustellen. Gleichzeitig verlieren viele dabei den Kontakt zu etwas sehr Grundlegendem: dem Gefühl, eingebunden zu sein.

Hier erleben Menschen oft zum ersten Mal seit langer Zeit wieder, wie es sich anfühlt, Teil eines lebendigen Netzes zu sein.

Sie spüren, dass andere Menschen da sind. Dass sie Unterstützung annehmen dürfen. Dass sie nicht alles alleine halten müssen.

Und manchmal reicht diese Erfahrung bereits aus, damit sich etwas tief im Inneren verändert.

Und wodurch entsteht dieses Gefühl ganz konkret? Wenn ich mich hier umschaue, habe ich den Eindruck, dass es nicht nur die Landschaft ist. Es scheint auch mit den Menschen zu tun zu haben, die diesen Ort tragen.

Ja, auf jeden Fall. Natürlich helfen der See, die Bäume und die Ruhe. Aber vieles entsteht durch die Menschen und die Kultur, die wir hier miteinander leben. Zahlreiche Menschen haben über die Jahre ihren Teil dazu beigetragen, dass ein Ort entstehen konnte, an dem sich Menschen getragen und genährt fühlen.

Wir leben hier mit ungefähr vierzig Erwachsenen und Kindern. Und es kommen häufig Gäste vorbei, manche für einige Tage, andere für Wochen oder sogar Monate. Viele kehren immer wieder zurück.

Vielleicht ist es genau diese Mischung aus Beständigkeit und Offenheit, die den Ort prägt. Mit den Jahren ist daraus ein großes Beziehungsnetz entstanden, das weit über diesen Ort hinausreicht.

Die meisten Besucher:innen kommen mit Fragen hierher. Manche stehen an Wendepunkten ihres Lebens. Andere tragen Konflikte oder Entscheidungen mit sich herum.

Oft erwarten sie Ratschläge. Doch was sie stattdessen erleben, ist Aufmerksamkeit. Jemand hört wirklich zu. Jemand hält ihnen Raum, ohne etwas von ihnen zu wollen. Darin liegt oft eine große Kraft.

Gleichzeitig wirkt der Ort überhaupt nicht passiv. Überall scheint etwas zu entstehen.

Ja, weil Regeneration für uns nie nur Rückzug bedeutet. Wenn Menschen wieder bei sich ankommen, entsteht oft ganz natürlich Kreativität.

Kreativität gehört für uns zum Leben wie Essen oder Schlafen.

Überall entstehen kleine und große Projekte. Menschen musizieren, malen, bauen, schreiben oder experimentieren. Kinder und Erwachsene erschaffen oft gemeinsam Dinge, ohne dass klar sein muss, was am Ende dabei herauskommt.

Was ich besonders liebe, ist die Vergänglichkeit vieler dieser Werke.

Einige Kunstwerke bestehen aus Naturmaterialien wie Blättern, Ton oder Ästen. Der Wind verändert sie. Der Regen löst sie auf. Nach einigen Wochen bleibt vielleicht nur eine Erinnerung.

Früher hätte ich vieles festhalten wollen. Heute berührt mich gerade die Vergänglichkeit.

Es erinnert mich daran, dass Schönheit nicht davon abhängt, wie lange etwas bleibt.

Sie deutet auf Jans Kunstwerk.

Vielleicht wird es in einigen Monaten schon ganz anders aussehen. Und genau das macht es für mich schön.

Während wir sprechen, stehen wir auf und gehen langsam in Richtung Gemüsegarten. Zwischen den Beeten summen Bienen. Junge Pflanzen strecken ihre Blätter dem Licht entgegen.

Wir leben bewusst mit den Rhythmen der Natur.

Im Winter wird es ruhiger. Menschen ziehen sich zurück, reflektieren und sammeln Kraft. Im Frühling entsteht Neues. Ideen beginnen zu keimen, Projekte nehmen Gestalt an. Der Sommer bringt Fülle, Gemeinschaft und Lebendigkeit. Im Herbst geht es um Ernte, Dankbarkeit und Loslassen.

Ich habe das Gefühl, dass viele Menschen oft den Kontakt zu diesen Rhythmen verloren haben und von sich erwarten, das ganze Jahr über gleich leistungsfähig zu sein.

Hier lernen viele wieder wahrzunehmen, wann sie Kraft haben und wann sie Ruhe brauchen.

Diese Haltung verändert auch den Umgang mit den inneren und äußeren Ressourcen. So kann Vertrauen in natürliche Kreisläufe und organische Rhythmen entstehen, statt dass alles immerzu nur wachsen soll.

Dieses Verständnis prägt vermutlich auch den Umgang mit Geld und anderen Ressourcen?

Ja. Geld ist ein wichtiger Teil unserer Gesellschaft und damit auch ein Teil dieses Ortes.

Ich selbst habe mich viele Jahre intensiv mit der Frage beschäftigt, wie ich und wir verantwortungsvoll mit Geld und anderen Ressourcen umgehen können. Lange Zeit war das mit Unsicherheit verbunden.

Ich hatte Geld geerbt und fühlte mich zwischen Dankbarkeit und Schuld hin- und hergerissen.

Der entscheidende Wandel begann, als ich aufhörte, diese Fragen alleine lösen zu wollen.

Ich begann, mich mit anderen Menschen auszutauschen. Menschen mit ganz unterschiedlichen Erfahrungen, Perspektiven und Hintergründen.

Dabei wurde mir klar, dass Geld selten nur ein finanzielles Thema ist.

Es berührt Fragen von Vertrauen, Zugehörigkeit, Macht, Ungleichheit, Verantwortung und Beziehungen.

Je mehr wir darüber gesprochen haben, desto freier wurde der Umgang damit.

Und irgendwann entstand daraus etwas, das heute ein wichtiger Teil dieses Ortes ist.

Der Tempel der Fülle?

Genau. Der Tempel der Fülle ist ein runder Raum aus Lehm und Holz. Wenn man ihn betritt, wirkt er zunächst erstaunlich schlicht und gleichzeitig hat er eine besondere Wirkkraft.

Menschen beschäftigen sich dort mit ihren Beziehungen zu Geld und anderen Ressourcen. Sie erforschen, wie sich Geben anfühlt. Wie es ist, Unterstützung anzunehmen. Wie sie klare Grenzen setzen können. Wie sie Entscheidungen treffen, wenn viel Verantwortung damit verbunden ist.

Manche bringen konkrete finanzielle Fragen mit. Andere kommen mit Themen, die auf den ersten Blick gar nichts mit Geld zu tun haben.

Doch häufig landen wir bei denselben Grundfragen:

Vertraue ich dem Leben?

Kann ich empfangen?

Darf ich sichtbar werden?

Wie kann ich meinen Beitrag leisten?

Für mich ist der Tempel der Fülle ein Ort, an dem innere und äußere Fülle wieder miteinander in Verbindung kommen.

Gibt es eine Geschichte, die das greifbar macht?

Viele. Besonders eine Begegnung berührt mich bis heute.

Eine Frau kam zu uns, die seit vielen Jahren über große finanzielle Ressourcen verfügte. Kaum jemand in ihrem Umfeld wusste davon. Sie sprach selten darüber und fühlte sich mit diesem Teil ihres Lebens sehr allein.

Eines Tages saßen wir mit ihr in einem Kreis am See und plauderten. Es war eine sehr entschleunigte und vertraute Atmosphäre. Es gab frische Himbeeren aus dem Garten, Libellen flogen umher.

Da begann sie zu erzählen, wie viel Angst und Unsicherheit sie über Jahre mit sich herumgetragen hatte. Sie hatte Angst, wegen ihres Vermögens bedrängt zu werden, es schlecht anzulegen und zu verlieren, sich mit ihren Privilegien zu zeigen und dafür verurteilt zu werden.

Wir hörten ihr einfach zu, schenkten ihr Raum und Verständnis.

Ein paar Tage später entschied sie sich aus eigener Initiative, einen Großteil ihres Vermögens in einen Gemeinschaftsfonds für gesellschaftlichen Wandel einzubringen.

Was mich bewegte, war nicht nur die Entscheidung selbst, sondern auch ihre Ausstrahlung danach.

Sie wirkte leichter. Und sie sagte einen Satz, den ich nie vergessen habe:

„Zum ersten Mal fühlt sich dieses Geld nicht mehr wie eine Last an, sondern wie eine Ressource, mit der ich positiv gestalten kann.“

Wow, das klingt wirklich nach einer großen inneren Veränderung. Das macht mich neugierig auf die Wurzeln dieses Kraftfeldes. Wie ist dieser Ort eigentlich entstanden?

Die Wurzeln des Uferlandes reichen zurück zur ersten CREATE Convention. Damals hatte ich die Vision, einen mehrtägigen Erfahrungsraum zu schaffen, in dem Menschen neue Formen von Gemeinschaft, Zusammenarbeit und gesellschaftlichem Wandel erleben können.

Auf die jährlichen Conventions folgten eine digitale Community, Ortsgruppen und schließlich die Idee eines dauerhaften physischen Ortes.

Besonders die 3. CREATE Convention 2026 brachte viele Menschen zusammen, die schließlich den Grundstein für das Uferland legten.

Rückblickend waren die späten 20er ein großes Experimentierfeld. Menschen vernetzten sich, gründeten Projekte, unterstützten sich gegenseitig und begannen, neue Ideen in die Welt zu tragen.

Mit den Jahren entstand daraus ein Netzwerk von Menschen, Orten und Projekten. Dieser Ort ist einer von vielen Zweigen, die aus diesen Verbindungen gewachsen sind.

Und vielleicht liegt genau darin seine größte Schönheit. Er wurde nicht nach einem Masterplan gebaut, sondern ist organisch entstanden – aus Beziehungen.

Wenn du in die Zukunft blickst, was wünschst du dir?

Dass es noch viel mehr Orte wie diesen gibt.

Orte, an denen Gemeinschaft, Zuhören und Regeneration selbstverständlich sind.

Orte, an denen Menschen jeglichen Alters miteinander leben und die unterschiedlichsten Hintergründe und Perspektiven zusammenbringen.

Orte, an denen Menschen ihre Ressourcen und Fähigkeiten teilen und Verantwortung gemeinsam tragen.

Ich wünsche mir, dass wir noch mehr lernen, in natürlichen Kreisläufen zu denken. Dass wir erkennen, wie viel Schönheit und Fülle vorhanden ist, wenn wir lernen sie zu erkennen und wie viel möglich wird, wenn Menschen kooperieren.

Gibt es etwas, das du zum Abschluss teilen möchtest?

Je älter ich werde, desto deutlicher sehe ich, dass Fülle nicht dort entsteht, wo Menschen ihre Ressourcen horten.

Sie entsteht dort, wo das Leben frei fließen darf und Geld in Bewegung und in Beziehung kommt.

Wo Menschen Zeit teilen. Aufmerksamkeit. Wissen. Räume. Vertrauen.

Vielleicht ist das die wichtigste Botschaft dieses Ortes:

Dass wir viel weniger getrennt voneinander sind, als wir oft glauben.

Und dass das Leben viel leichter wird, wenn wir aufhören zu meinen, alles alleine tragen zu müssen.

Nachklang

Als wir unser Gespräch beenden, lasse ich den Blick noch einmal über das Gelände schweifen.

Kinder rennen fröhlich über die Wiese. Aus dem Garten dringt leises Stimmengewirr. Am Seeufer sitzt eine kleine Gruppe im Kreis und spricht miteinander. Jan arbeitet noch immer an seinem Kunstwerk.

Nichts davon wirkt außergewöhnlich.

Und vielleicht liegt genau darin die Kraft dieses Ortes.

Dass ein gutes Leben oft erstaunlich einfach ist. Es entsteht dort, wo Menschen einander zuhören. Wo Verantwortung geteilt wird. Wo Beziehungen wichtiger sind als Besitz und wo Vertrauen stärker ist als Kontrolle.

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